

Die Südostschweiz Ausgabe Graubünden Mittwoch, 3. November 2005
Nicht nur im Sinne der Bauern
Bündner Komitee wirbt für das Gentech-Moratorium
Vom Label «Gentechfreie Schweiz» könnte neben der Landwirtschaft auch der Tourismus profitieren. Davon ist man im «Bündner Komitee gentechfrei» überzeugt.
Von Peter Simmen
Vertreter des von elf Organisationen gebildeten «Bündner Komitees gentechfrei» warben gestern in Chur vor den Medien für ein Ja zum Gentech-Moratorium, über das am 27. November abgestimmt wird. Die grosse Mehrheit der Konsumenten lehne Gentech-Lebensmittel ebenso ab wie eine grosse Mehrheit der Bauern den Einsatz von Gentechnik in der Landwirtschaft, sagte Nationalrat und Biobauer Andrea Hämmerle. Es mache deshalb wenig Sinn, die Gentech-Landwirtschaft gegen den Willen der Direktbetroffenen durchzudrücken, nur weil ein paar wenige dies mit grossem Aufwand und grosser Propaganda wollten.
Aus seiner Sicht ist in der Schweiz eine Koexistenz von gentechnisch manipulierten und gentechfreien Pflanzen wegen der kleinräumig strukturiert und kleinsträumig parzellierten Landwirtschaft quasi unmöglich. Wie soll der minimal erforderliche Grenzabstand von 50 Metern eingehalten werden, wenn eine Vielzahl von Parzellen nicht grösser sei als 50 auf 100 Meter, fragte sich Hämmerle. Leidtragende wären die Gegner der Gentech-Landwirtschaft, so Hämmerle. Deshalb stünden auch so viele Bauern hinter dem Moratorium. Die schweizerische Landwirtschaft versuche seit Jahren, sich mit ökologischen Produkten zu profilieren, sagte Hämmerle weiter. Die biologische Landwirtschaft stehe an der Spitze dieser Bewegung, «und diese ist in Graubünden am stärksten». Gentech-Landwirtschaft und Agro-Business-Landwirtschaft würden diesen Bemühungen diametral entgegenstehen. Ein Label «Gentechfreie Schweiz» hingegen wäre attraktiv landwirtschaftlich und touristisch, so Hämmerle.
«Gentechfood» schädlich?
Dass möglichst naturbelassenes Essen aus der «Küche» und dem Reichtum der Natur das Beste für das Wohlbefinden des Menschen seien, müsse niemandem mehr bewiesen werden, betonte Gustav Ott, Präsident der Organisation Ärzte für Umweltschutz. «Der ungespritzte Bio-Apfel, das Gemüse aus dem Hausgarten und das Fleisch von der Weide sind die Lebensmittel, die uns ansprechen», so Ott. Je grösser die technische Veränderung der Nahrungsmittel sei, desto kritischer sollte der Konsument reagieren. Gentechnisch veränderte Lebensmittel seien eine neue Dimension. Niemand könne bis heute beweisen, dass «Gentechfood» für den Menschen unbedenklich sei. «Es gibt Hinweise, dass Gentechfutter das Immunsystem von Ratten geschädigt hat und dass selbst der Mist von mit Gentechfutter gemästeten Rindern ein Umweltrisiko darstellen kann», warnte Ott. Wie es mit der Milch sei, wisse man nicht.
Forschung nicht tangiert
Nicht betroffen vom Moratorium wäre die medizinische Forschung, betonte Ott. «Wer das Gegenteil behauptet, der lügt», stellte er klar. Bio- und auch gentechnische Methoden seien in der Medizin häufig nötig und wirksam und oft auch unbestritten. Dieser Bereich werde vom Moratorium bewusst ausgeklammert.
Auch aus der Sicht von Regina Bissegger-Stocker vom Ostschweizer Konsumentinnenforum ist die Nachfrage nach Gentechprodukten nicht gegeben. Die absolute Mehrheit der Schweizer Konsumenten begegne der Gentechnik mit grossen Vorbehalten, es seien Ängste und Verunsicherungen da. Laut Umfragen möchten 70 Prozent der Konsumenten keine gentechnisch veränderten Produkte.
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