
Die Südostschweiz: Montag, 28. November 2005
Ein einig Volk: Die Bündner wollen keine Gentech-Produkte
Das Bündner Stimmvolk steht (fast) geschlossen hinter dem Gentech-Moratorium. Einzig der Kreis Disentis hat gestern die nationale Vorlage abgelehnt.
von Enrico Söllmann
Es war ein deutlicher Entscheid, den die Bündner gestern gefällt haben. Mit einem Ja-Stimmenanteil von 59 Prozent sprachen sie sich für das Gentech-Moratorium aus. Oder anders gesagt: 28'239 Stimmberechtigte wollen keine Gentech-Produkte aus der heimischen Landwirtschaft, 19'899 Stimmberechtigte hingegen hätten damit offenbar kein Problem. Die Stimmbeteiligung lag gestern mit 37,5 Prozent einmal mehr unter dem Schweizer Durchschnitt, überdurchschnittlich hoch fiel dafür die Zustimmung aus.
Einer von 39 Kreisen sagt Nein
Nimmt man die kantonalen Resultate etwas genauer unter die Lupe, fällt vor allem auf, wie geschlossen Graubünden hinter dem Gentech-Moratorium stand. Von den insgesamt 39 Kreisen im Kanton scherte einzig der Kreis Disentis aus und sagte Nein. Der Kreis lehnte die Vorlage mit 1332:1082 Stimmen ab. Den Ausschlag für dieses überraschend deutliche Ergebnis gab die Gemeinde Brigels. Dort befürworteten lediglich 66 Stimmberechtigte das Gentech-Moratorium, während 374 Brigelser nichts davon wissen wollten. Ein Nein kam zwar auch aus der Gemeinde Disentis. Der Entscheid fiel aber denkbar knapp aus, nur gerade sieben Stimmen machten in der einwohnerstärksten Gemeinde des Kreises den Unterschied aus. Auch die Gemeinde Medel lehnte die Vorlage mit 62:53 Stimmen ab. Die übrigen Gemeinden des Kreises Disentis (Schlans, Sumvitg, Tujetsch und Trun) hingegen gaben dem Gentech-Moratorium ihren Segen.
Abgesehen vom Kreis Safien (140:26 Ja-Stimmen) sprachen sich die übrigen Kreise der Surselva (Lumnezia/Lugnez, Ilanz und Ruis) nur knapp für das Gentech-Moratorium aus. Mit der Stadt Ilanz und der Gemeinde Laax schickten die einwohnerstärksten Gemeinden des Kreises Ilanz genau wie Disentis die Vorlage bachab.
Auf Grund der Resultate aus der Surselva darauf zu schliessen, die grösseren, einwohnerstarken Gemeinden im Kanton hätten nichts gegen Gentech-Produkte einzuwenden, wäre aber falsch. Es gibt zwar weitere Beispiele, die diese These stützen. In Flims, Arosa, Pontresina und St. Moritz etwa war der Anteil der Nein-Sager etwas höher als jener der Befürworter. Die Mehrheit der grösseren Gemeinden wie etwa Thusis, Klosters, Igis, Domat/Ems, Davos und auch die Stadt Chur, um hier nur einige Beispiele zu nennen, stand aber mehr oder weniger deutlich auf der Seite der Befürworter.
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Bündner Tagblatt: Montag, 28. November 2005
«Das Volk will keine Gentech-Nahrung»
Freude und Bedenken: In Graubünden wird das klare Ja zur Gentech-Initiative sehr unterschiedlich kommentiert.
Von Edy Walser
Für Nationalrat Hansjörg Hassler, der als Präsident des Bündner Bauernverbandes an vorderster Front für die Gentech-Initiative gekämpft hatte, ist das Verdikt des Schweizervolkes nicht nur eine grosse Genugtuung, sondern auch eine gewaltige Überraschung. «Mit der Annahme der Initiative hat das Schweizervolk unmissverständlich kund getan, dass es keine gentechnisch veränderte Nahrungsmittel will.» Stattdessen wollen die Konsumentinnen und Konsumenten Nahrungsmittel aus einer naturnahen und tiergerechten Landwirtschaft.» Mit diesem Votum hätte sich eine Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger in allen Kantonen nicht nur für ein Freisetzungsmoratiorium, sondern auch für eine einheimische Landwirtschaft ausgesprochen, so Hassler. «Für mich ist das auch ein Vertrauensbeweis.» Das Volk erwarte, dass die Bauern den eingeschlagenen Weg weiterverfolgten.
Mehr als bloss Moratorium?
Ständerat Theo Maissen ist vom Ausgang der Abstimmung weniger überrascht. Im Gegensatz zu Hassler ist er aber nicht begeistert. «Ich glaube, dass es nicht beim fünfjährigen Moratorium bleiben wird.» Für den Forschungsplatz Schweiz sei das Abstimmungsresultat auf jeden Fall ein negatives Signal. «Und das könnten die Bauern auch eines Tages zu spüren bekommen, sind sie doch auf eine florierende Wirtschaft angewiesen.» Der Präsident des Bündner Gewerbeverbandes, Jürg Michel, ist lediglich von der Deutlichkeit des Resultates überrascht. «Sehr viele Leute haben der Initiative wohl deshalb zugestimmt, weil sie in Sachen Gentechnologie verunsichert sind.» Dazu komme, dass die Initiative sehr gemässigt war und wohl kaum zukunftsweisend sein dürfte.
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Bündner Tagblatt: Montag, 28. November 2005 |